Ambivalenter Sexismus: Zwei Seiten einer Medaille

Sexismus zeigt sich nicht nur in offener Frauenfeindlichkeit, sondern auch in scheinbar wohlwollenden Einstellungen. In der Forschung spricht man daher von ambivalentem Sexismus, der zwei Dimensionen umfasst:

📌 Hostiler Sexismus: Offene Abwertung von Frauen, z. B. „Frauen sind weniger kompetent als Männer.“
📌 Benevolenter Sexismus: Idealisierung traditioneller Rollenbilder, z. B. „Frauen sind besonders schutzbedürftig.“

Beide Formen tragen dazu bei, patriarchale Strukturen aufrechtzuerhalten und Geschlechterstereotype zu festigen. Während hostiler Sexismus Frauen direkt benachteiligt, erscheint benevolenter Sexismus harmloser – ist jedoch genauso problematisch, weil er Frauen in eine passive Rolle drängt.

Need for Closure: Warum einfaches Denken Sexismus verstärkt

Psychologische Studien zeigen, dass Menschen mit einem hohen Need for Closure eher zu sexistischen Überzeugungen neigen. Aber warum?

📌 Vereinfachung komplexer Realitäten: Wer klare, eindeutige Antworten bevorzugt, hat Schwierigkeiten, Widersprüche und gesellschaftliche Veränderungen zu akzeptieren. Geschlechterrollen bieten eine einfache, vorgefertigte Erklärung für gesellschaftliche Strukturen – auch wenn sie längst überholt sind.

📌 Vermeidung von Unsicherheit: Menschen mit hohem NFC fühlen sich in starren Strukturen wohler und tendieren dazu, traditionelle Rollenbilder zu verteidigen. Die Idee, dass Geschlechter gleichberechtigt sind und es keine „natürlichen“ Unterschiede gibt, widerspricht dieser Denkweise.

📌 Ablehnung von Ambiguität: Moderne Gesellschaften sind komplex. Wer schlecht mit Unsicherheit umgehen kann, greift auf stereotype Erklärungen zurück – und Sexismus bietet genau das.

Gruppenzugehörigkeit und Sexismus: Ein Geschlechterproblem?

Oft wird argumentiert, dass Sexismus vor allem eine Frage der Gruppenzugehörigkeit ist – also dass Männer tendenziell sexistischer sind als Frauen. Tatsächlich zeigen Studien, dass Frauen im Durchschnitt weniger sexistische Einstellungen haben. Aber warum?

📌 Gesellschaftliche Positionierung: Männer sind historisch als gesellschaftlicher Standard definiert, während Frauen sich ständig anpassen und alternative Perspektiven einnehmen mussten. Wer gezwungen ist, flexibel zu denken, entwickelt in der Regel weniger starre Vorurteile.

📌 Betroffenheit: Frauen erleben Sexismus direkt, Männer oft nur indirekt. Wer selbst von Diskriminierung betroffen ist, ist eher bereit, bestehende Strukturen zu hinterfragen.

📌 Sozialisation: Geschlechterrollen werden früh vermittelt. Während Mädchen oft zur Empathie und Anpassung erzogen werden, lernen Jungen häufiger, Dominanzverhalten zu akzeptieren – ein Muster, das sich in sexistischen Einstellungen widerspiegeln kann.

Allerdings zeigt die Forschung, dass Sexismus weniger eine Frage des Geschlechts als vielmehr eine Frage individueller kognitiver Motivation ist. Wer sich mit Unsicherheiten arrangieren kann und offen für neue Perspektiven ist, zeigt in der Regel weniger sexistische Überzeugungen – unabhängig vom Geschlecht.

Was bedeutet das für uns als Jusos?

Wenn Sexismus nicht nur durch Erziehung oder Gruppenzugehörigkeit entsteht, sondern auch durch starre Denkmuster verstärkt wird, bedeutet das: Wir müssen nicht nur patriarchale Strukturen bekämpfen, sondern auch kritisches Denken fördern.

Unsere Forderungen:

🔴 Bildung stärken: Kritisches Denken und Reflexion müssen von klein auf gefördert werden – sowohl in Schulen als auch in der politischen Bildung. Sexismus bekämpft man nicht nur durch Gesetze, sondern durch Bewusstseinswandel.

🔴 Offene Debattenkultur etablieren: Wer starre Weltbilder ablehnt, muss die Möglichkeit haben, Unsicherheit auszuhalten. Das bedeutet: mehr Räume für Diskussionen, in denen auch Widersprüche ausgehalten und reflektiert werden können.

🔴 Gesellschaftliche Strukturen ändern: Sexismus ist nicht nur eine Frage individueller Einstellungen, sondern auch eine Frage von Machtverhältnissen. Wir setzen uns für eine Gesellschaft ein, in der Geschlecht keine Rolle für berufliche, politische oder soziale Chancen spielt.

🔴 Solidarität statt Konkurrenz: Frauen werden oft gegeneinander ausgespielt – sei es durch das „Pick-Me Girl“-Narrativ oder durch stereotype Erwartungen an Feministinnen. Wir müssen erkennen, dass unsere Kämpfe gemeinsam geführt werden müssen.

Fazit: Sexismus beginnt im Kopf – aber er endet dort nicht

Der Kampf gegen Sexismus ist ein Kampf gegen starre Denkmuster, gegen gesellschaftliche Strukturen und gegen tief verankerte Stereotype. Die Forschung zeigt, dass sexistisches Denken nicht nur aus der Sozialisation resultiert, sondern auch durch individuelle Denkstrukturen beeinflusst wird.

Deshalb ist unsere Aufgabe als Jusos klar: Wir müssen nicht nur für gesetzliche Gleichstellung kämpfen, sondern auch für eine Gesellschaft, in der alle Menschen in der Lage sind, mit Unsicherheit umzugehen, neue Perspektiven zuzulassen und sich gegen Ungerechtigkeit zu engagieren.

Denn eine feministische Zukunft ist keine Frage der Geschlechtszugehörigkeit – sondern eine Frage der Haltung.