ein Blogbeitrag zum Weltjugendtag

Von Christian Keimer

Ein Satz, der zunächst provokant klingen mag, aber viel mehr ein Gefühl beschreibt, was viele

Jugendliche haben. Über Zukunft wir an einem Tisch entschieden, an dem Jugendliche selber

viel zu selten Platz nehmen dürfen. Noch immer sind politische und gesellschaftliche

Machtstrukturen stark von älteren Generationen und dem männlichen Geschlecht geprägt.

Das Problem liegt dabei nicht allein im Alter einzelner Menschen, sondern viel mehr in

Strukturen, die Macht, Einfluss und politische Entscheidungsmöglichkeit ungerecht verteilen.

Wenn über Bildung, Digitalisierung, Wohnen, Klima oder den Arbeitsmarkt entschieden wird,

geht es um die Zukunft junger Menschen – und trotzdem haben gerade sie häufig nur einen

besonders geringen Einfluss auf diese Entscheidungen.

Die konkrete Gefahr besteht darin, dass die Interessen junger Menschen systematisch zu spät

berücksichtigt werden. Wer heute zur Schule geht, eine Ausbildung macht oder gerade ins

Berufsleben startet, muss mit den Folgen politischer Entscheidungen oft noch Jahrzehnte

leben. Gleichzeitig erleben viele Jugendliche, dass ihre Anliegen zwar teils gehört, aber nicht

ausreichend ernst genommen werden.

Eine Gesellschaft, in der junge Menschen das Gefühl haben, dass über ihren Kopf entschieden

wird, verliert an V ertrauen. Vertrauen, dass unsere Demokratie heutzutage bitter nötig hat.

In jeder Schlagzeile geht’s um Hass und Lügen.

Wir suchen nur noch nach Extremen.

Nachrichten erreichen uns heute jederzeit, immer und überall. Auf dem Smartphone, in

sozialen Netzwerken oder in Messangergruppen prasseln Meldungen auf uns ein. Ein neuer

Krieg, eine nächste Krise, noch eine politische Provokation – und wenige Sekunden später

folgt die nächste Schlagzeile.

Das Fatale: sachliche Informationen konkurrieren immer häufiger mit gezielter

Desinformation, alternativen Fakten, die als Meinung dargestellt werden, und

emotionalisierenden Beiträgen sowie politischen Lügen. Erschwerend hinzu kommt, dass

Plattformen, wie TikTok & Instagram, häufig nicht das Differenzierte, sondern das Lauteste

und Empörendste belohnen. Wer besonders wütend macht, wer besonders schockiert oder

polarisiert, bekommt die meiste Aufmerksamkeit.

Davon profitieren vor allem aber Populist*innen und Rechtsextreme. Rechtspopulistische und

extrem Rechte Medienangebote wie Nius setzten ebenfalls gezielt auf Zuspitzung und

Empörung. Gleichzeitig versuchen rechtsextreme Akteur*innen, soziale Medien zu nutzen,

um rassistische, antisemitische oder demokratiefeindliche Positionen zu normalisieren. Soentsteht der Eindruck, extreme und populistische Meinungen stünden in der Mitte einer

Gesellschaft, welche nur noch aus unversöhnlichen Lagern besteht.

Jugendliche können zwar dadurch sehr schnell auf falsche Nachrichten stoßen. Jugendliche

wachsen aber vor allem auch in einer politischen Öffentlichkeit auf, in der es immer schwerer

wird zwischen Tatsachen & klaren wissenschaftlichen Fakten und bewusster Manipulation zu

unterscheiden. Wenn wir nur noch ständig mit Hass und Angst konfrontiert werden, kann das

Vertrauen in unsere Demokratie und ihre Institutionen, aber auch in die Gesellschaft

insgesamt sinken. Die politische Radikalisierung ist immer nur wenige Klicks oder Videos

entfernt. Aus einem einzelnen extremen Video entsteht rasch ein immer extremistischerer

Feed. Das kann Frust, Wut und politische Radikalisierung mit sich bringen.

Wir brauchen dadurch aber nicht weniger Debatten, sondern viel mehr bessere Debatten.

Unsere Demokratie braucht unabhängigen Journalismus, Medienkompetenz und digitale

Plattformen, die nicht davon profitieren, wenn Menschen gegeneinander aufgehetzt werden.

Und vor allem braucht sie eine klare Grenze gegenüber ihren Feinden, Rechtsextremismus

und Menschenfeindlichkeit.

Ich glaub‘ die Jugend hat Angst.

Vor einem schrecklichen Schauspiel mit Krieg vor der Haustür.

Väter in Gräben machen Söhne zu Weisen.

In Trümmern sterben Träume, machen Freunde zu Feinden

Krieg ist für viele junge Menschen leider nicht mehr nur eine historische Erinnerung. Er

findet auch wieder in Europa statt. Russland führt einen Angriffskrieg gegen die Ukraine.

Gleichzeitig eskaliert der Konflikt im Nahen Osten immer weiter und weltweit nehmen

geopolitische Spannungen zu. Auch die USA tragen als globale Militärmacht Verantwortung

für militärische Interventionen und eine internationale Ordnung, in der militärische Gewalt

weiterhin eine zentrale Rolle spielt.

Für Jugendliche verändert das die Bedeutung von Krieg. Er ist nicht mehr nur ein Kapitel im

Geschichtsbuch, sondern wird mehr und mehr zu einer realen Gefahr und rationalen Angst.

Was passiert, wenn der nächste Konflikt eskaliert? Was passiert, wenn ein Krieg

näherkommt? Was, wenn wir plötzlich betroffen sind?

Dazu kommt die Debatte über die Wehrpflicht. Für junge Menschen ist das keine abstrakte

sicherheitspolitische Diskussion. Es geht um die Frage, ob sie irgendwann selbst verpflichtet

werden könnten, einen Teil ihres Lebens für den Militärdienst zu opfern. Genau einen Teil

ihres Lebens, den sie geplant hatten ihre gewonnene Freiheit zu genießen, zu reisen oder mit

dem Studium zu beginnen, um früh ins Berufsleben zu starten. Nun kann es sein, dass sie im

schlimmsten Fall sogar ihr Leben für einen Krieg riskieren müssen, von dem sie nie wollten,

dass er beginnt.

Krieg tötet aber nicht nur. Er zerstört Familien, Bildung, Infrastruktur und

Zukunftsperspektiven. Menschen verlieren ihre Häuser, ihr Hab & Gut, ihre Freund*innen

und ihre Heimat. Kinder wachsen in einer Welt voller Gewalt auf. Jugendliche können ihre

Ausbildung nicht beenden, ihren Lebensplänen beim Zerbrechen zu sehen und psychische

Folgen davontragen, obwohl sie den Konflikt nie wollten.Gerade deshalb darf Sicherheitspolitik nicht ausschließlich als Frage militärischer Stärke

verstanden werden. Sicherheit bedeutet auch Diplomatie, internationale Zusammenarbeit,

wirtschaftliche Stabilität, funktionierende Institutionen und die Fähigkeit, Konflikte zu

verhindern, bevor sie zu Kriegen eskalieren.

Eine Generation, die mit der Angst vor Krieg aufwächst, braucht eine Politik, die Frieden

nicht als selbstverständlich betrachtet, sondern als das, was es ist. Ein Privileg. Sie braucht

eine Außenpolitik, die Eskalation verhindert und gleichzeitig Menschen schützt, die von

Aggression betroffen sind. Und sie braucht politische Entscheidungen, die junge Menschen

nicht einfach als Soldat*innen von morgen betrachtet, sondern als Menschen mit eigenen

Lebensplänen, Träumen, Hoffnungen und einem Recht auf Freiheit.

Ich glaub‘ die Jugend hat Angst.

Vor großen Wäldern in Flammen.

Die Klimakrise ist längst keine abstrakte Bedrohung mehr. Es wird heißer,

Extremwetterereignisse werden immer wahrscheinlicher und Waldbrände immer häufiger

Realität. In Kanada stehen aktuell fast 140 Quadratkilometer Wald in Flammen, das entspricht

etwa 19.600 Fußballfeldern. Circa 20.000 Menschen mussten dort vor den Bränden flüchten.

In Südostasien sind im Moment knapp 750.000 Menschen von einem Monsun und Taifun

betroffen. Und auch in Spanien und Frankreich brennen die Wälder, in Spanien sind zum

Beispiel seit Jahresbeginn 200.000 Hektar betroffen. Gleichzeitig führt der Rhein historisch

wenig Wasser, wodurch die Schifffahrt und der europäische Güterverkehr immer stärker

eingeschränkt wird.

Erwärmt sich die Erde weiter, werden Regionen immer häufiger von extremer Hitze,

Wasserknappheit und Überschwemmungen betroffen sein. Die Landwirtschaft bekommt

immer mehr Probleme, Ökosysteme können kollabieren, Lebensräume verloren gehen und

Teile der Erde werden unbewohnbar. Das führt zu deutlich mehr Migration. Können

Menschen ihre Heimat aufgrund der Klimakrise nicht mehr sicher bewohnen, werden sie

gezwungen sein, ihre Heimat zu verlassen. Klimawandel ist also auch eine Frage globaler

Gerechtigkeit, denn der globale Süden spürt die Folgen des Klimawandels schon heute

deutlich stärker als wir im globalen Norden.

Auch hier sehen wir wieder eine ungerechte Verteilung von Verantwortung. Junge Menschen

haben die Krise nicht verursacht. Trotzdem werden sie langfristig mit den Folgen leben

müssen, die durch eine verantwortungsvolle Politik hätten minimiert werden können.

Es ist deshalb verständlich, wenn Klimapolitik nicht nur als politisches Thema, sondern als

persönliche Zukunftsfrage wahrgenommen wird. Wird es den Ort, an dem ich leben möchte,

in 20 Jahren noch so geben? Kann ich mir in Zukunft noch ein sicheres und gutes Leben

aufbauen?

Diese Fragen verdienen keine Beschwichtigungen.

Sie verdienen Antworten.Ich glaub‘ die Jugend hat Angst.

Vor einer Welt.

In der man nicht leben kann.

Und vermutlich ist genau das die größte Angst hinter all den anderen. Die Angst davor, dass

die Zukunft schlechter wird als die Gegenwart und wir irgendwann dastehen und sagen

„Früher war alles besser.“.

Eine Welt, in der Krieg wieder zum Alltag gehört.

Eine Welt, in der Hass und Lügen politische Debatten bestimmen.

Eine Welt, in die Klimakrise ganze Regionen verändert

Eine Welt, in der Wohnen unbezahlbar wird, soziale Ungleichheit zunimmt und junge

Menschen das Gefühl bekommen, trotz aller Anstrengungen keinen sicheren Platz in dieser

Gesellschaft zu finden.

Aber wir dürfen niemals bei der Angst stehen bleiben.

Wir müssen uns Fragen wie wir diese Welt wieder lebenswert machen und wie wir das gute

Leben für alle garantieren können.

Für uns Jusos bedeutet das zunächst, dass eine sichere und gute Zukunft kein Privileg für

diejenigen sein darf, die heute bereits Macht und Vermögen besitzen. Eine lebenswerte Welt

ist eine sozial gerechte Welt. Eine, in der junge Menschen nicht jahrelang auf eine eigene

Wohnung warten müssen. In der Bildung nicht vom Kapital der Eltern abhängt. In der durch

Ausbildung und Studium echte Perspektiven entstehen. In der für Arbeit gute Löhne für alle

gezahlt werden und niemand Angst haben muss, trotz eines Vollzeitjobs nicht über die Runden

zu kommen.

Eine lebenswerte Welt ist außerdem eine klimaneutrale Welt. Klimaschutz darf nicht gegen

soziale Gerechtigkeit ausgespielt werden. Diejenigen, die am wenigsten zum Klimawandel

beigetragen haben, dürfen nicht am stärksten unter den Kosten seiner Bekämpfung leiden. Wir

brauchen massive öffentliche Investitionen in erneuerbare Energien, öffentlichen Nahverkehr,

bezahlbares Wohnen und eine klimaneutrale Wirtschaft. Der ökologische Umbau muss so

gestaltet werden, dass er für alle funktioniert – nicht nur für diejenigen, die ihn sich leisten

können.

Eine lebenswerte Welt ist auch eine klimaneutrale Welt. Klimaschutz darf nicht gegen soziale

Gerechtigkeit ausgespielt werden. Diejenigen, die am wenigsten zum Klimawandel

beigetragen haben, dürfen nicht am stärksten unter den Kosten seiner Bekämpfung leiden. Wir

brauchen massive öffentliche Investitionen in erneuerbare Energien, öffentlichen Nahverkehr,

bezahlbares Wohnen und eine klimaneutrale Wirtschaft. Der ökologische Umbau muss so

gestaltet werden, dass er für alle funktioniert – nicht nur für diejenigen, die ihn sich leisten

können.

Und eine lebenswerte Welt ist eine demokratische Welt. Eine Demokratie, in der Jugendliche

nicht nur alle paar Jahre ihre Stimme abgeben dürfen, sondern tatsächlich Einfluss auf die

Entscheidungen haben, die ihr Leben bestimmen. Wir brauchen mehr politische Beteiligung

junger Menschen, starke Jugendverbände, demokratische Bildung und Institutionen, die nicht

nur über die Jugend sprechen, sondern mit ihr.

Denn Angst entsteht dort, wo Menschen das Gefühl haben, keine Kontrolle über ihre Zukunft

zu besitzen.Hoffnung entsteht dort, wo Menschen gemeinsam die Möglichkeit bekommen, diese Zukunft

zu verändern.

Vielleicht hat die Jugend also tatsächlich Angst. Angst vor alten Machtstrukturen. Angst vor

Hass und Lügen. Angst vor Krieg. Angst vor der Klimakrise. Und am Ende Angst vor einer

Welt, in der man nicht mehr leben kann.

Aber diese Angst muss nicht das letzte Wort haben.

Wir können uns entscheiden, welche Welt wir hinterlassen wollen. Wir können für eine

Gesellschaft kämpfen, in der Frieden, soziale Gerechtigkeit, Klimaschutz und Demokratie

keine Gegensätze sind. Wir können Macht neu verteilen, Reichtum gerechter verteilen und

Zukunft wieder zu etwas machen, auf das man sich freuen kann.

Die Jugend hat Angst.

Aber die Jugend kann auch verändern.

Und genau deshalb darf die Angst auf Zukunftsängste nicht Resignation sein.

Unsere Antwort muss Politik sein. Unsere Antwort muss Solidarität sein. Und unsere Antwort

muss eine Zukunft sein, in der alle gut leben können.