ein Blogbeitrag zum Start der Fußball-WM
Von Tim Hompesch
Lesedauer: ca. 3 Min.
Russland, Katar, die USA und Saudi-Arabien: Was zunächst wie eine Auflistung der Schlusslichter im jährlichen Ranking der Pressefreiheit klingen mag, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als die Riege der Gastgeberländer der vergangenen drei sowie der übernächsten Fußball-Weltmeisterschaften der Männer. Nach Russland 2018 und Katar 2022 folgen 2026 die USA, bevor das Turnier 2034 in Saudi-Arabien ausgetragen wird. Doch woran liegt es, dass Weltmeisterschaften ausgerechnet an Staaten vergeben werden, in denen der Fußball gesellschaftlich oft eine eher untergeordnete Rolle spielt?
Die Antwort auf diese Frage fällt unterschiedlich aus, je nachdem, ob man die Perspektive der Gastgeberländer oder die der FIFA einnimmt. In beiden Fällen lohnt sich zunächst ein Blick in den Duden:
Sportswashing: Versuch (von Staaten, Unternehmen oder Institutionen), das [internationale] Image durch Sport[veranstaltungen] zu verbessern.
Legt man diese Definition als Schablone auf die vier genannten Staaten, lassen sich unweigerlich Parallelen finden. Russland annektierte bereits 2014 völkerrechtswidrig die Krim; Katar diskriminiert und verfolgt systematisch Menschen der LGBTQI+-Community; in den USA verfolgt Donald Trump in seiner zweiten Amtszeit eine Politik, in der das Völkerrecht oft hinter nationalen Interessen zurücksteht; und in Saudi-Arabien wurde allein im Jahr 2025 über 350-mal die Todesstrafe vollstreckt. Diese Liste ließe sich problemlos fortsetzen.
Das eigene Image durch sportliche Großereignisse aufzupolieren, um sich der Welt als glänzender Gastgeber zu präsentieren, ist ein weitaus bequemerer Weg, als echte menschenfreundliche und demokratiefördernde Reformen voranzutreiben. Schon das NS-Regime nutzte die Olympischen Sommerspiele 1936 in Berlin als gigantische Propagandashow, während hinter der Fassade Antisemitismus, Rassismus, Unterdrückung und Mord an der Tagesordnung waren. Sportswashing ist somit keineswegs ein neuzeitliches Phänomen.
Die gute Nachricht ist jedoch: Laut Studien funktioniert Sportswashing nur dann, wenn es an kritischer Medienberichterstattung mangelt.[1] Wer also vom tausendsten Artikel über die katastrophalen Arbeitsbedingungen in Katar genervt war, kann zumindest insofern beruhigt sein, als eben jene Berichterstattung eine tatsächliche Wirkung entfaltet.
Gier: auf Genuss und Befriedigung, Besitz und Erfüllung von Wünschen gerichtetes, heftiges, maßloses Verlangen; ungezügelte Begierde.
Von 1998 bis 2015 leitete Sepp Blatter die Geschäfte der FIFA. Obwohl Blatter gewiss nicht für Kapitalismuskritik oder besondere Integrität bekannt war, hat der seit 2016 amtierende FIFA-Präsident Gianni Infantino die Kommerzialisierung noch einmal massiv vorangetrieben. Während die WM 2014 in Brasilien der FIFA noch knapp zwei Milliarden US-Dollar einbrachte, waren es 2018 in Russland bereits 4,6 Milliarden und in Katar 2022 sogar 5,8 Milliarden Dollar.[2]
Ein Ende dieser Entwicklung ist nicht in Sicht. Getreu dem Motto „Der Markt regelt das“ unterliegen die Ticketpreise für die WM 2026 einer dynamischen Preisgestaltung. So kostet das günstigste Ticket für das Finale aktuell über 4.000 Euro. Ein Sportereignis, das eigentlich Menschen weltweit verbinden sollte, wandelt sich damit Stück für Stück zu einem exklusiven Event, das nur noch die wohlhabendsten Schichten der Gesellschaft im Stadion zusammenbringt.
Wenn der Deutsche Fußball-Bund (DFB) nicht länger tatenlos zusehen möchte, wie der Fußball den finanziellen Interessen der FIFA geopfert wird und man gleichzeitig vor Despoten buckelt, sollte sich schleunigst ernsthafter Gegenwind formieren. Im Jahr 2027 strebt Infantino schließlich seine erneute Wiederwahl an – es wäre ein wichtiges Zeichen, wenn ihm dies nicht ohne Weiteres gelänge.
[1] https://www.uni-konstanz.de/universitaet/aktuelles-und-medien/aktuelle-meldungen/aktuelles-1/kritische-berichterstattung-schwaecht-wirkung-von-sportswashing/
[2] https://de.statista.com/infografik/33652/entwicklung-des-umsatzes-der-fifa/