ein Blogbeitrag zum IDAHOBIT*
Von Christian Keimer
Lesedauer: ca. 10 Minuten
Das Klima für queere Menschen wird wieder rauer – weltweit, aber auch hier in Deutschland. Während sich die bürgerliche Politik in Symbolik verliert, brennt es längst nicht mehr nur an den Rändern unserer Gesellschaft, sondern auch mitten in ihr. Viele dachten, gesellschaftlicher Fortschritt sei selbstverständlich und unumkehrbar, doch aktuell erleben wir genau das Gegenteil: Hass, Hetze und Gewalt gegen queere Menschen nehmen zu. Rechte Kräfte gewinnen zunehmende an Einfluss, queerfeindliche Narrative werden gesellschaftsfähig gemacht und selbst hart erkämpfte und längst etablierte Rechte stehen wieder zur Debatte. Gerade deshalb ist der IDAHOBIT*, der internationale Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transphobie, nicht nur ein Tag des Erinnerns und Sichtbarmachens, sondern auch ein Tag des Widerstands und des queer-feministischen Kampfes.
Zur globalen Lage:
In zwölf Ländern droht queeren Menschen für das Ausleben ihrer Sexualität die Todesstrafe. In weiteren 65 Staaten werden homosexuelle Beziehungen kriminalisiert – mit Freiheitsstrafen von wenigen Monaten bis hin zu lebenslanger Haft, wie etwa in Uganda. Gleichzeitig verschärfen immer mehr Staaten ihre queerfeindliche Gesetzgebung. Im Irak, in Burkina Faso oder zuletzt im Senegal werden homosexuelle Menschen gezielt entrechtet und immer weiter kriminalisiert. Das senegalesische Parlament beschloss erst Mitte März unter tosendem Applaus härtere Strafen: Wer dort in einer homosexuellen Beziehung lebt, hat künftig mit fünf bis zehn Jahren Haft zu rechnen. Diese Entwicklungen sind kein Zufall. Sie sind Ausdruck eines globalen Rechtsrucks, der gezielt gegen Minderheiten mobilisiert.
Doch wer glaubt, Deutschland sei davon unberührt, irrt gewaltig.
Auch hier spitzt sich die Lage dramatisch zu. Allein 2023 wurden bundesweit 1.785 queerfeindliche Straftaten registriert. 2022 waren es noch 1.188, 2014 lediglich 184. Hinter diesen Zahlen stehen Straftaten, wie Beleidigungen, Volksverhetzung, Bedrohungen und körperliche Gewalt. Gleichzeitig muss man davon ausgehen, dass die Dunkelziffer weiterhin enorm hoch ist. Viele Betroffene zeigen Übergriffe aus Angst, Scham oder Misstrauen gegenüber Behörden gar nicht erst an. Die tatsächliche Realität queerfeindlicher Gewalt dürfte also noch weitaus erschreckender sein.
Besonders alarmierend ist zudem die zunehmende Bedrohung von CSDs durch organisierte Rechtsextreme. Christopher Street Days waren immer politische Demonstrationen für Sichtbarkeit, Selbstbestimmung und Freiheit – und genau deshalb sind sie ins Visier rechtsextremer und neofaschistischer Gruppen geraten.
Ein besonders drastisches Beispiel war der CSD in Bautzen 2024. Dort marschierten Rechtsextreme auf, bedrohten Teilnehmende und es kam zu Übergriffen und gewaltsamen Auseinandersetzungen. Nur durch ein massives Polizeiaufgebot konnte Schlimmeres verhindert werden. Doch Bautzen ist kein Einzelfall. Auch in München bedrohten Neonazis im vergangenen Jahr den CSD. In Nordrhein-Westfalen kam es ebenfalls zu rechten Gegenmobilisierungen, etwa in Mönchengladbach, wo 58 Personen aus der rechtsextremen Szene von der Polizei festgesetzt wurden. Die Polizei ermittelt gegen sie wegen Verstößen gegen das Versammlungsgesetz, erteilte 8 Platzverweise und ermittelt in weiteren Fällen unter anderem wegen gefährlicher Körperverletzung und Beleidigung.
Doch die Angriffe treffen nicht nur Demonstrationen. Ebenfalls in Mönchengladbach wurde Mitte April ein queeres Zentrum Ziel eines rechtsextremen Angriffs. Eingeschlagene Scheiben, Hakenkreuzschmierereien und die Drohung „Wir kommen“ zeigen deutlich, worum es geht: Einschüchterung. Angst erzeugen. Menschen aus dem öffentlichen Raum verdrängen.
Genau das dürfen wir niemals zulassen!
Wir dürfen uns nicht von hasserfüllten Rechtsextremen einschüchtern lassen. Nicht von Neonazis auf den Straßen. Nicht von rechter Hetze im Internet. Nicht von Angriffen auf unsere Safer Spaces. Wer queere Sichtbarkeit angreift, greift die offene Gesellschaft insgesamt an. Unser Kampf für queere Rechte ist deshalb immer auch ein Kampf für Demokratie, Freiheit und Menschenwürde.
Dabei geht die Bedrohung längst nicht nur von offen gewaltbereiten Nazis aus. Auch politisch wird das Klima immer feindseliger. Zwar wurden in den vergangenen Legislaturen immer wieder wichtige Fortschritte erkämpft – etwa die Ehe für alle oder das Selbstbestimmungsgesetz. Doch aktuell erleben wir eine massive Gegenbewegung. Führende Politiker*innen der CDU kündigen offen an, das Selbstbestimmungsgesetz wieder ändern und zurückdrehen zu wollen, wodurch der Weg für Trans-Personen wieder schwerer und würdeloser werden könnte. Friedrich Merz erklärte bereits, das Gesetz könne „in dieser Form“ nicht bestehen bleiben. Die Konsequenz wäre klar: Der Weg zur Änderung des Geschlechtseintrags würde wieder entwürdigender, bürokratischer und diskriminierender werden.
Besonders erschreckend ist zudem die Debatte um ein Register für Trans-Personen, welches das von CSU-Politiker Alexander Dobrindt geführte Bundesinnenministerium aktuell plant. Künftig sollen frühere Geschlechtseinträge und alte Vornamen dauerhaft gespeichert werden. Das ist nicht nur vollkommen unnötig und entwürdigend – es weckt auch historische Erinnerungen daran, wozu Register marginalisierter Gruppen in Deutschland bereits missbraucht wurden.
Und auch symbolisch erleben wir Rückschritte. Bundestagspräsidentin Julia Klöckner entschied, die Regenbogenflagge auf dem Bundestag nur noch am IDAHOBIT* hissen zu lassen – nicht mehr zum Pride-Month oder zum Berliner CSD. Offiziell wird dies mit politischer Neutralität begründet. Doch Neutralität gegenüber Menschenfeindlichkeit gibt es nicht. Wer in Zeiten zunehmender Gewalt gegen queere Menschen Sichtbarkeit zurückfährt, sendet eindeutig ein fatales Signal.
Wen darf man bei Hass, Hetze und Queerfeindlichkeit nicht vergessen, oh je?
Richtig. Die Faschos aus der AfD.
Die AfD betreibt eine zutiefst queerfeindliche Politik – und das keineswegs nur durch einzelne „Ausrutscher“ oder Provokationen einzelner Funktionär*innen. Queerfeindlichkeit gehört ideologisch zum Kernprojekt dieser Partei. Immer wieder hetzt die AfD gegen sogenannte „Genderideologie“, diffamiert queere Menschen als Gefahr für Kinder und Gesellschaft und versucht gezielt, gesellschaftliche Fortschritte rückgängig zu machen. Bildungs- und Aktionspläne gegen Homo- und Transfeindlichkeit sollen abgeschafft, Aufklärungsarbeit an Schulen verhindert und das Amt des Queer-Beauftragten der Bundesregierung gestrichen werden. Selbst die bloße Sichtbarkeit queerer Menschen im öffentlichen Raum wird von der AfD regelmäßig skandalisiert.
Dabei arbeitet die Partei bewusst mit rechten Kulturkampf-Narrativen. Begriffe wie „Frühsexualisierung“ oder „Genderwahn“ dienen dazu, Ängste zu schüren und queere Menschen zu Feindbildern zu machen. Besonders perfide ist dabei die immer wiederkehrende rhetorische Gleichsetzung queerer Menschen – insbesondere schwuler Männer – mit Pädophilen. Diese menschenverachtende Unterstellung hat eine lange Geschichte in rechter und homophober Hetze. Sie soll queere Menschen entmenschlichen, kriminalisieren und gesellschaftlich isolieren. Dass eine Partei, die im Bundestag sitzt, solche Narrative immer wieder bedient oder bewusst toleriert, ist brandgefährlich.
Gleichzeitig propagiert die AfD ein extrem rückwärtsgewandtes Familienbild. Für sie besteht die „normale“ Familie ausschließlich aus Vater, Mutter und Kindern. Alles, was davon abweicht – Regenbogenfamilien, trans Personen, queere Partnerschaften oder alternative Lebensentwürfe – wird als Bedrohung für die Gesellschaft dargestellt. Damit greift die AfD nicht nur queere Menschen an, sondern letztlich alle, die nicht in ihr autoritäres Weltbild passen. Denn hinter ihrer Queerfeindlichkeit steckt ein größerer Angriff auf Selbstbestimmung, Vielfalt und individuelle Freiheit.
Besonders gefährlich ist dabei, dass die AfD gezielt versucht, gesellschaftliche Debatten nach rechts zu verschieben. Dinge, die vor einigen Jahren noch als offen homophob oder transfeindlich galten, werden durch permanente Wiederholung normalisiert. Hetze wird als „Meinungsfreiheit“ verkauft, Diskriminierung als „Sorge um Kinder“, Ausgrenzung als angeblicher „Schutz der Familie“. Dadurch entsteht ein gesellschaftliches Klima, in dem sich queerfeindliche Gewalt zunehmend legitimiert fühlt. Worte bleiben eben nicht folgenlos. Wenn Politiker*innen ständig gegen Minderheiten hetzen, schafft das einen Nährboden für Einschüchterung, Hass und Angriffe auf der Straße.
Das Ziel dahinter ist klar: Queere Menschen sollen wieder unsichtbar gemacht werden. Sie sollen zurückgedrängt werden in eine Gesellschaft, in der sie sich verstecken müssen, in der sie Angst haben, offen zu leben oder Händchen zu halten. Eine Gesellschaft, in der queere Menschen höchstens geduldet werden – solange sie leise bleiben und nicht auffallen. Genau dagegen müssen wir uns mit aller Kraft stellen. Denn queere Rechte sind Menschenrechte. Und Menschenrechte dürfen in einer gesunden Demokratie niemals zur Debatte stehen.
Nun muss ich euch jedoch warn‘
Es folgt ein Abschnitt zu weißen schwulen Cis-Männern – mitunter Jens Spahn.
Besonders bitter wird es nämlich, wenn selbst Menschen aus der Community anfangen, sich von queer-feministischen Kämpfen zu distanzieren. Eines der prominentesten Beispiele hierfür ist Jens Spahn, der mittlerweile weniger für korrupte Maskendeals bekannt ist als für seine Aussagen über queere Politik und Identität. Im Tagesspiegel sagte er ganz selbstbewusst: „Ich bin schwul, nicht queer.“ Beim rechten Nachrichtenportal Nius erklärte er zudem: „Aus der super Idee der Gleichberechtigung, mit der viel erreicht wurde, wird jetzt eine Ideologie, wo wieder nach Ethnie, Religion, sexueller Identität eine Rangfolge entsteht.“
Solche Aussagen sind kein harmloser persönlicher Take, sondern Ausdruck eines tiefen politischen Problems. Dahinter steckt oft die Haltung: „Meine Rechte habe ich ja jetzt, der Rest geht mich nichts an.“ Viele relativ privilegierte weiße schwule Cis-Männer scheinen Angst davor zu haben, hintenüberzufallen, sobald es nicht mehr nur um ihre eigenen Rechte geht, sondern auch um die Rechte von lesbischen Frauen, trans Personen, nicht-binären Menschen oder anderen marginalisierten Gruppen innerhalb der Community. Dahinter steckt der Wunsch, „unter sich zu bleiben“, sich auf bereits erkämpften Rechten auszuruhen und bloß nicht mit den Kämpfen anderer assoziiert zu werden. Queere Sichtbarkeit wird dann plötzlich nicht mehr als gemeinsamer Fortschritt verstanden, sondern als angebliche Belastung für das eigene gesellschaftliche Ansehen.
Doch genau diese Haltung ignoriert, wer all diese Rechte überhaupt erkämpft hat.
Die Fortschritte für schwule Männer wurden nie allein von privilegierten weißen Cis-Männern erkämpft. Es waren lesbische Frauen, trans Personen, Dragqueens, Women of Color und unzählige Aktivist*innen, die Widerstand geleistet haben, als Sichtbarkeit noch lebensgefährlich war. Menschen, die Polizeigewalt, gesellschaftliche Ächtung und staatliche Repression erlebt haben, lange bevor liberale Konservative plötzlich entdeckten, dass man auch als schwuler Mann Karriere machen kann.
Sich heute von der queeren Community abzugrenzen, weil einem trans Sichtbarkeit oder queer-feministische Politik „zu viel“ werden, ist deshalb nicht progressiv – es ist egoistisch und ignorant. Dieses demonstrative „Ich bin schwul, aber nicht queer“ wirkt oft wie ein Versuch, sich von all jenen zu distanzieren, die weiterhin täglich um Anerkennung und Sicherheit kämpfen müssen. Frei nach dem Motto: „Ich ficke halt Männer, aber alles Politische daran interessiert mich nicht.“ Dahinter steckt ein herablassendes „Mach deine Sexualität doch nicht zu deiner Persönlichkeit“ – ein Satz, den man sonst eher von konservativen Stammtischen oder offenen Homophoben kennt.
Dabei wird völlig ausgeblendet, dass genau die Menschen, von denen man sich heute abgrenzt, überhaupt erst die Grundlage dafür geschaffen haben, dass jemand wie Jens Spahn so selbstverständlich und selbstbewusst als schwuler Mann in der politischen Öffentlichkeit stehen kann.
Wer sich auf erkämpften Rechten ausruht, während andere weiterhin angegriffen, entrechtet und bedroht werden, verrät die Solidarität, auf der queere Befreiung immer aufgebaut hat. Denn queere Emanzipation war nie ein Einzelkampf – und sie wird auch niemals einer sein.
Und genau deshalb reicht es nicht, am IDAHOBIT* einmal im Jahr bunte Flaggen zu posten oder wohlklingende Solidaritätsbekundungen abzugeben. Haltung zeigt sich nicht in Symbolen allein, sondern vor allem im konkreten Handeln – dann, wenn es unbequem wird. Dann, wenn Menschen angegriffen werden. Dann, wenn rechte Hetze laut wird und Widerspruch notwendig ist.
Wir müssen CSDs aktiv unterstützen und verteidigen – auf der Straße, politisch und gesellschaftlich. Denn Pride war nie einfach nur eine Party. Pride war und ist Protest. Jede Regenbogenflagge auf einem CSD ist ein Zeichen gegen Hass, gegen Ausgrenzung und gegen das Schweigen. Gerade deshalb dürfen wir nicht zulassen, dass Rechtsextreme versuchen, queere Sichtbarkeit einzuschüchtern oder Menschen aus dem öffentlichen Raum zu verdrängen.
Wir müssen laut widersprechen, wenn rechte Parteien, wie die AfD, konservative Medien, wie Nius, oder Stammtischparolen gegen queere Menschen hetzen. Homo-, Bi-, Inter- und Transfeindlichkeit beginnt nicht erst bei körperlicher Gewalt – sie beginnt bei Worten, bei angeblichen „Debatten“, bei der Existenz und Würde queerer Menschen ständigen in Frage gestellt werden. Desinformation und sogenannte „alternative Fakten“ dürfen niemals unwidersprochen bleiben, denn Menschenrechte sind keine Meinung und keine Frage des Zeitgeists. Sie sind unverhandelbar!
Genauso müssen wir queere Jugendzentren, Beratungsstellen und Safe Spaces stärken und finanziell absichern. Für viele Menschen sind diese Orte überlebenswichtig – gerade für junge Queers, die Ausgrenzung in der Schule, im Elternhaus oder im Alltag erfahren. Gleichzeitig brauchen wir eine konsequente Bildungsarbeit gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transfeindlichkeit: in Schulen, Universitäten, Vereinen, Betrieben und überall dort, wo Vorurteile entstehen und reproduziert werden. Queer-feminismus ist dabei kein „Nischenthema“, sondern zentral für eine solidarische und freie Gesellschaft. Denn eine Gesellschaft ist erst dann wirklich frei, wenn alle Menschen in ihr frei leben können.
Vor allem aber dürfen wir niemals zulassen, dass Angst gewinnt. Genau darauf setzen Rechte und Faschisten: auf Einschüchterung, Isolation und Rückzug. Sie wollen, dass Menschen wieder Angst haben, offen queer zu sein. Angst davor haben beim Spazieren im Park Händchen zu halten, auf einen CSD zu gehen oder einfach sie selbst zu sein. Unsere Antwort darauf muss Solidarität sein. Lautstärke. Sichtbarkeit. Und Widerstand.
Denn wir kämpfen nicht nur dafür, dass queere Menschen irgendwie „existieren dürfen“. Wir kämpfen für eine Gesellschaft, in der alle Menschen frei, sicher und selbstbestimmt leben können – unabhängig von Geschlecht, Sexualität oder Identität. Und diesen Kampf werden wir nicht aufgeben. Nicht heute. Nicht morgen. Nicht so lange noch irgendwer in Unfreiheit leben muss.