Ein Blogbeitrag zum Tag der Arbeit
Von Nazar Yildiz
Lesedauer: ca. 7–8 Minuten
Der Koffer und das Schweigen
In der Ecke des Kellers meines Opas steht ein alter Koffer. Er ist wirklich hässlich und für Außenstehende wahrscheinlich Sperrmüll. Für mich ist er das wichtigste politische Archiv unserer Familie. Mein Opa kam nicht als „Gast“, wie es die hämische Sprache der 60er Jahre suggerierte – auch wenn dies ursprünglich sein Plan war. Er kam als Teil einer gigantischen Verschiebung von Menschenleben, die das Fundament der modernen Bundesrepublik zementierte.
Als ich klein war, erzählte er mir nicht von den Wirtschaftszahlen (außer davon, dass halbe Hähnchen damals günstiger waren), sondern von lustigen Geschichten mit seinen Arbeitskollegen. Er sprach über den stechenden Schmerz beim Verlassen der Heimat und die kalte Wut, die ihn empfing, als er hier ankam. Plötzlich war er nur noch „der Türke“ unter Tage. Dieser Koffer bewahrt keine Kleidung auf, sondern die verdrängte Geschichte einer ganzen Generation, die für den Wohlstand dieses Landes schuftete, während man ihr gleichzeitig das Gefühl gab, ein unerwünschter Schatten zu sein.
Als Jungsozialist*innen ist es unsere Aufgabe, dieses Schweigen zu brechen. Wir müssen begreifen: Die Geschichte der Gastarbeiter*innen ist keine „Migrationsgeschichte“ am Rande – sie ist die Geschichte des deutschen Klassenkampfes, des staatlichen Rassismus und der feministischen Selbstbehauptung.
Um zu verstehen, warum dieser Kampf so politisch ist, müssen wir uns die Radikalität des damaligen Systems vor Augen führen. Zwischen 1955 (Italien) und 1968 (Jugoslawien) schloss die BRD Anwerbeabkommen, die auf einem zutiefst rassistischen und kapitalistischen Prinzip fußten: der reinen Verwertbarkeit. Das Anwerbesystem war die Architektur der Entmenschlichung:
Die Menschen, die in die Anwerbezentren in Istanbul, Neapel oder Lissabon kamen, wurden einer entwürdigenden Prozedur unterzogen. Deutsche Ärzt*innen prüften Zähne, Muskulatur und Lungenfunktion. Wer eine Narbe hatte oder zu schmächtig wirkte, wurde aussortiert. Es war eine medizinische Selektion, die den Menschen auf seine physische Funktion als Werkzeug reduzierte.
Die politische Elite der Nachkriegszeit hatte panische Angst davor, dass aus Arbeitskräften Mitbürger*innen werden könnten. Deshalb erfand man das Rotationsprinzip. Die Idee war so simpel wie grausam: Menschen sollten für zwei Jahre kommen, ihre Kraft verbrauchen und dann durch „frisches Material“ ersetzt werden. So wollte man verhindern, dass soziale Bindungen entstehen, dass Familien nachgeholt werden oder dass politische Rechte eingefordert werden. Dass dieses Prinzip am Widerstand der Industrie (die keine Lust hatte, ständig neue Leute einzuarbeiten) scheiterte, ändert nichts an der rassistischen Intention des Staates.
Man hat uns oft erzählt, die Gastarbeiter*innen seien passiv gewesen, hätten alles klaglos hingenommen. Das ist eine Lüge der Geschichtsschreibung. Das Zentrum dieses Widerstands lag direkt hier bei uns: in Köln-Niehl, in den Ford-Werken, 1973.
Der „wilde Streik“ bei Ford war eine Zäsur. Auslöser war die fristlose Entlassung von 300 türkischen Kollegen, die aufgrund der Urlaubszeit zu spät aus der Heimat zurückgekommen waren. Doch das war nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. In den Hallen von Ford herrschte ein Regime der Unterdrückung: Die migrantischen Arbeiter waren in den untersten Lohngruppen gefangen, erledigten die schmutzigsten Jobs und wurden von deutschen Vorarbeitern oft schikaniert.
Was diesen Streik so politisch macht, ist die Rolle der Institutionen. Der DGB und die IG Metall verweigerten dem Streik anfangs die Unterstützung. Sie sahen in den „wilden“ Streikenden eine Gefahr für die Tarifautonomie und die bestehende Ordnung. Schnell wurde jedoch auch ihnen bewusst: Tarif ist für alle da. Die Arbeiter besetzten das Werk, sie tanzten Halay vor den Toren und forderten „1 Mark mehr für alle“.
Die Reaktion war brutal: Mit Hilfe der Polizei und einer rassistischen Medienkampagne (die Presse sprach vom „Terror der Türken“) wurde der Streik niedergeschlagen. Doch die Botschaft war in der Welt: Wir sind hier, und wir sind politische Subjekte. Wir lassen uns nicht mehr wie Verschleißteile behandeln. Für uns als Jusos Köln ist Ford ’73 kein historisches Datum, sondern ein Gründungsmythos eines antirassistischen Klassenkampfes.
Die Kämpfe der Frauen
Wenn wir über die Gastarbeitergeneration reden, dürfen wir die Frauen nicht vergessen, die oft eine dreifache Last trugen. Sie arbeiteten am Fließband, führten den Haushalt unter prekärsten Bedingungen in staatsgemachten Parallelgesellschaften und mussten sich gegen patriarchale Strukturen in ihren eigenen Familien sowie in der deutschen Gesellschaft wehren.
In Neuss, nur einen Katzensprung von Köln entfernt, zeigten migrantische Frauen im selben Jahr 1973, was echter Feminismus bedeutet. Griechische, türkische und italienische Arbeiterinnen streikten gegen die sogenannten „Leichtlohngruppen“. Das war ein euphemistischer Begriff für systematischen Lohnraub an Frauen.
Diese Frauen waren oft radikaler als ihre männlichen Kollegen. Sie wussten: Wenn sie gewinnen, gewinnen sie nicht nur mehr Geld, sondern durchbrechen auch die Logik, dass ihre Arbeit weniger wert sei als die eines Mannes oder eines Deutschen. Ihr Erfolg – die Abschaffung dieser Lohngruppen – war ein Meilenstein für die gesamte Arbeiterbewegung in Deutschland, der heute viel zu selten in feministischen Diskursen erwähnt wird.
Auch wenn Community und Zusammenhalt ein essenzieller Teil dieser Zeit waren: Ein ehrlicher Juso-Beitrag muss auch die schmerzhaften Punkte ansprechen. Die migrantische Community war nie eine homogene Masse. Die Unterdrückung von außen erzeugte oft einen inneren Druck, der neue Hierarchien schuf.
Innerhalb der Wohnheime gab es Konflikte, die wir heute mit einem intersektionalen Blick analysieren müssen:
Ethnische Unterschiede sorgten auch in Fabriken für Spannungen: Die Verfolgung von Kurd*innen oder die Diskriminierung von Alevit*innen und Ezid*innen setzte sich oft in den deutschen Fabrikhallen fort. Doch das war nicht die einzige soziale Herausforderung für von Marginalisierung betroffene Gastarbeiter*innen. Was bedeutete es, in den 60ern schwul oder trans innerhalb einer Gastarbeiter-Community zu sein? Diese Menschen existierten – aber sie hatten keinen Raum. Sie waren doppelt bedroht: durch den Rassismus der Mehrheitsgesellschaft und durch Homophobie in konservativ geprägten Herkunftsmilieus.
Echte Solidarität bedeutet nicht, diese Widersprüche unter den Teppich zu kehren, sondern sie zu benennen, um sie zu überwinden. Das erfordert notwendige Selbstkritik.
Wir müssen so ehrlich sein (auch wenn das meinem Gewerkschaftsherz wehtut): Die deutschen Gewerkschaften haben lange Zeit versagt. Sie waren Teil eines Systems, das die „Gastarbeiter“ als Konkurrenz betrachtete. Es dauerte Jahrzehnte, bis der DGB begriff, dass die Spaltung der Arbeiterschaft in „Deutsche“ und „Ausländer“ nur dem Kapital nützt.
Erst durch den Druck der migrantischen Basis, durch die Kämpfe der 70er, öffneten sich die Strukturen. Heute sind Gewerkschaften ohne migrantische Kolleg*innen undenkbar. Aber die Lektion bleibt: Struktureller Rassismus macht vor der Werkstür nicht halt. Wir als junge Sozialist*innen müssen innerhalb der SPD und der Gewerkschaften immer die mahnende Stimme sein, die daran erinnert, dass Privilegien innerhalb der Arbeiterklasse aktiv abgebaut werden müssen.
Heute, im Jahr 2026, sehen wir die direkten Fortsetzungen dieser Geschichte. Die „Gastarbeiter“ von heute heißen Saisonkräfte in der Landwirtschaft, Lieferfahrer*innen oder Reinigungskräfte. Wieder sind es Menschen mit Migrationsbiografie, die unter schlechtesten Bedingungen arbeiten – oft ohne politisches Wahlrecht und mit unsicherem Aufenthaltsstatus.
Die Geschichte der Gastarbeiter*innen lehrt uns:
1. Anerkennung ist kein Geschenk: Man bekommt keine Rechte, weil man „brav“ ist oder sich „integriert“. Man bekommt sie, weil man das Band anhält.
2. Rassismus ist ein Werkzeug des Kapitals: Er dient dazu, die Arbeiterklasse zu spalten und Löhne zu drücken. Antirassismus ist daher eine Kernaufgabe jeder linken Wirtschaftspolitik.
3. Sichtbarkeit ist politisch: Dass die Geschichte meines Opas nicht in den Schulbüchern steht, ist kein Zufall. Es soll uns das Gefühl geben, wir seien nur Gäste in diesem Land. Aber wir sind die Erben derer, die dieses Land aufgebaut haben.
Wenn ich heute den Koffer meines Opas sehe, sehe ich keine Traurigkeit mehr. Ich sehe ein Versprechen. Er hat den Schmerz und die Wut darin versteckt, damit wir heute die Kraft haben, laut zu sein.
Wir als Jusos Köln fordern: Schluss mit der Romantisierung des Wirtschaftswunders! Schluss mit der Erzählung vom dankbaren Gast! Wir fordern eine Erinnerungskultur, die den Widerstand feiert, und eine Politik, die endlich versteht: Wer hier arbeitet, wer hier kämpft und wer hier liebt, gehört hierher – ohne Wenn und Aber.
Die Geschichte der Gastarbeiter*innen ist unsere Geschichte. Und wir fangen gerade erst an, sie zu schreiben.
Dieser Beitrag ist allen gewidmet, die ihre Heimat verließen, um hier für eine bessere Zukunft zu kämpfen – und dabei Deutschland demokratischer gemacht haben, als es eigentlich sein wollte.