Ein Blogbeitrag zur Walpurgisnacht
Von Darja Berezhniy
Lesedauer: 5 Minuten
In der Nacht vom 30. April auf den 1. Mai flackerten früher und auch heute noch viele Feuer. Und nicht nur das Feuer für den Tanz in den Mai – ich meine die Höllenfeuer, das Hexenfest, die viel gefürchtete Walpurgisnacht.
Als Tanz in den Mai ist sie längst im modernen Alltag angekommen und dient als Anlass für Geselligkeit, für Feiern, für das erste wirkliche Draußensein nach den kalten Monaten. Für viele ist sie Folklore, für andere einfach ein Datum im Kalender. Dabei markiert sie eine Schwelle: den Übergang vom Winter zum Frühling. Und doch haftet dieser Nacht etwas an, das weit über diesen Übergang hinausgeht.
Ihre Ursprünge reichen zurück in vorchristliche Vorstellungen von Schutz, Fruchtbarkeit und Neubeginn. Die Maifeuer sollten den Winter vertreiben und das Ungewisse bannen, sie waren immer auch ein Versuch, böse Kräfte fernzuhalten.
Eine Figur ist bis heute untrennbar mit der Walpurgisnacht verbunden: die Hexe. Der Legende nach versammeln sich Hexen in dieser Nacht auf Bergen und Anhöhen zu einem rauschhaften Fest. Spätestens seit Goethes „Faust“ gehört dieses Bild fest zur kulturellen Erzählung. Die Hexe steht dabei an der Schnittstelle von Aberglauben, Projektion und Geschichte – und das bis heute.
Historisch ist sie weniger eine Person als eine Figur, eine Projektionsfläche, in die sich gesellschaftliche Ängste eingeschrieben haben. In der Frühen Neuzeit wurden zehntausende Menschen – vor allem Frauen – verfolgt, gefoltert, verbrannt und ermordet. Die Vorwürfe waren oft unbegründet. Denn es ging weniger um tatsächliche Verbrechen als um einen Mechanismus: Wer nicht in die gesellschaftliche Ordnung passt, wird zur Gefahr erklärt. Die Hexe markiert das Andere, das Unkontrollierbare, das Weibliche außerhalb der Norm.
Und sie wird immer wieder neu erzählt: in Legenden, in Schriften, in Bildern, in heutigen Serien und Filmen. In diesen Erzählungen wird fortgeschrieben, was als anders gilt und wer ausgeschlossen wird.
Die Feuer der Walpurgisnacht gelten oft als Symbol für Neubeginn: Licht gegen Dunkelheit, Leben gegen Tod. Doch im Zusammenhang mit der Hexe tragen sie eine andere Bedeutung. Feuer brennt, Feuer vernichtet, Feuer tötet. Die Scheiterhaufen der Hexenverfolgung waren keine Metaphern, sondern Realität. Wenn wir heute um die Flammen stehen, tanzen oder lachen, dann tun wir das nicht im luftleeren Raum. Das Feuer ist nicht nur das schöne Fest des Maibeginns, sondern trägt auch den Nachhall von Verfolgung und Gewalt in sich.
Und doch hat sich etwas verschoben. Die Figur der Hexe ist heute so präsent wie lange nicht mehr – aber anders gelesen. In feministischen Kontexten steht sie für Widerstand, für Solidarität, für Wissen, das verboten war. Die Hexe ist nicht mehr nur Projektionsfläche von Angst, sondern auch eine Figur der Selbstermächtigung.
Wenn Frauen sagen „We are the granddaughters of the witches you couldn’t burn“, dann ist das kein historischer Anspruch, sondern ein politisches Bild. Es verschiebt die Perspektive von der Verfolgung hin zu einer Idee von Kontinuität und Widerstand. Hexen sind nicht mehr nur böse oder bedrohlich, sondern widersprüchlich, komplex, offen für neue Bedeutungen.
Vielleicht liegt genau darin das Potenzial der Walpurgisnacht. Es geht nicht nur darum, an die Gräueltaten der Hexenverfolgung zu erinnern, sondern auch darum, die Geschichten hinter dem Fest neu zu lesen. Zu fragen, welche Bilder entstanden sind, wer sie geprägt hat und wer darin keinen Platz hatte – und oft bis heute keinen hat.
Vielleicht ist gerade das der entscheidende Moment: nicht nur an den Tanz in den Mai zu denken, sondern auch an das, was darunter liegt. Und die Walpurgisnacht nicht nur zu erinnern, sondern umzudeuten.
Das Feuer bleibt. Aber es verändert sich. Nicht nur als Symbol für Neubeginn, sondern auch als Zeichen einer Geschichte, die nicht vergessen ist. Als Erinnerung daran, dass Verbrennen Glut und Asche hinterlässt – und dass aus dieser Glut immer wieder etwas entstehen kann.
Vielleicht ist das Feuer genau das: Erinnerung und Möglichkeit zugleich.