Liebe Genoss*innen,

ich freue mich, auf der nächsten Landeskonferenz für den Landesvorstand zu kandidieren. Auf dem Weg zu dieser Entscheidung habe ich die Themen reflektiert, die mich in letzter Zeit oft beschäftigt haben. Einige davon möchte ich euch hier vorstellen. Für mich verbindet all diese Themen eine gemeinsame Frage: Wer hat einen Platz am Tisch?

Zu mir

Ich heiße Hannah und bin 26 Jahre alt. Aufgewachsen bin ich in Dormagen, nach einem internationalen Freiwilligendienst bin ich für mein Jurastudium nach Köln gezogen. Während des Studiums war ich lange hochschulpolitisch aktiv, insbesondere rund um die Studierendenwerke. Dadurch war ich nicht nur in Köln unterwegs, sondern habe viele unterschiedliche Hochschulen, Städte und politische Strukturen kennengelernt. Mit dem Ende meines Studiums hat sich auch mein politischer Schwerpunkt verschoben: von der Hochschulpolitik stärker hin zu den Jusos und den Fragen, die mich heute beschäftigen. Aktuell bin ich Teil des Vorstands der Jusos Köln. Ich promoviere im strafrechtlichen Bereich und arbeite daneben im Wirtschaftsstrafrecht. Wenn ich nicht gerade arbeite, promoviere oder politisch aktiv bin, verbringe ich meine Zeit am liebsten mit Freund*innen und Familie und habe viel Freude an Kunst und Kultur.

Mitbestimmen

Im Rahmen meines Engagements habe ich viele unglaublich engagierte und kluge junge Menschen kennengelernt. Gleichzeitig habe ich aber auch erlebt, dass diese jungen Menschen vielfach nicht mitgedacht und nicht ausreichend beteiligt werden. Das frustriert mich, weil ich uns eben nicht als die angebliche Null-Bock-Generation erlebe, als die wir häufig bezeichnet werden. Ich erlebe junge Menschen, die Verantwortung übernehmen, sich in ihrer Freizeit engagieren und sehr genaue Vorstellungen davon haben, wie unsere Gesellschaft aussehen soll. Trotzdem bleiben unsere Perspektiven viel zu häufig außen vor. Besonders deutlich wurde mir das, als ich im Rahmen meiner Aktivität beim Kölner Studierendenwerk die Reform des Studierendenwerksgesetz begleitet habe und erleben musste, wie schnell jungen Menschen Kompetenz abgesprochen wird.

Ich möchte mich deshalb dafür einsetzen, dass wir bei allen Themen, die uns betreffen, eingebunden werden. Die Absenkung des Wahlalters war ein extrem wichtiger erster Schritt. Dabei darf es aber nicht bleiben. Auch in der Zeit zwischen den Wahlen muss es auf die Stimme der Jugend ankommen. Das könnte sinnvoll etwa durch einen Jugendcheck von politischen Vorhaben umgesetzt werden. Junge Menschen müssen aber genauso den Raum und die Möglichkeit bekommen, sich zu organisieren und zu entfalten. Dazu gehören für mich etwa Jugendzentren und -programme. Genauso denke ich aber an eine gute Ausfinanzierung der Studierendenwerke mit ihren Mensen, Wohnheimen und Beratungsangeboten. Selbstverständlich ist, dass es eine solche Struktur auch für Azubis geschaffen werden muss.

Selbstbestimmung und Feminismus

Wenn wir übers Mitbestimmen sprechen, stellt sich die Frage, wer überhaupt sichtbar sein kann und sich dabei sicher fühlen darf. Feminismus und queere Perspektiven sind deshalb die Grundlage meiner politischen Arbeit, keine Spezialthemen, die auch berücksichtigt werden müssen.

Als angehende Strafrechtlerin setze ich mich regelmäßig mit häuslicher und geschlechtsspezifischer Gewalt auseinander. Gerade Frauen* werden regelmäßig schon zur Zielscheibe, bevor sie sichtbar werden. Am gefährdetsten sind sie zu Hause. Das darf keine Privatsache sein. Betroffene brauchen verlässliche Strukturen, Unterstützung und Schutzräume. Gleichzeitig nimmt der digitale Antifeminismus unter dem Deckmantel harmloser Online-Inhalte weiter zu. Dabei wird er zum Nährboden für Hass, Einschüchterung und reale Bedrohung. Deshalb braucht es sowohl Aufklärungs- und Bildungsarbeit als auch einen konsequenten Umgang mit konkreten Taten.

Die Studie „Queer durch NRW“ (MKJFGFI NRW; 2025), zeigt mit welcher Sorge die queere Community in die Zukunft blickt. Dabei sind Diskriminierungs- und Gewalterfahrungen schon heute für viele Menschen in der Community regelmäßig Realität. Diese Fälle sichtbar zu machen, war notwendig. Es müssen auch echte Maßnahmen folgen. Mir ist dabei auch wichtig, ein Bewusstsein dafür zu haben, dass nicht alle Menschen die gleichen Möglichkeiten haben, für ihre Rechte einzustehen.

Macht und Wettbewerb

Und zuletzt möchte ich auch auf die systemische Ebene blicken. Wenn wir gemeinsam an einem Tisch sitzen, müssen sich auch alle an dieselben Spielregeln halten. Davon darf auch wirtschaftliche Macht nicht befreien. NRW verfügt bereits über gute Institutionen, um Finanzkriminalität zu begegnen. Allerdings sind die zuständigen Behörden etwa bei der Aufarbeitung oft überlastet. Eine sozialdemokratische Wirtschaftspolitik bedeutet für mich demnach auch, dass die missbräuchliche Nutzung wirtschaftlicher Macht konsequent verfolgt werden muss. Zudem kann das Land den wirtschaftlichen Hebel selbst betätigen. Land und Kommunen vergeben jedes Jahr öffentliche Aufträge in erheblichem Umfang. Wer von öffentlichen Aufträgen profitiert, muss sich auch an soziale Regeln halten. Tarifliche Bezahlung und faire Arbeitsbedingungen dürfen kein Wettbewerbsnachteil sein.

Diese Themen sind unterschiedlich, aber für mich verbindet sie die Frage, wie wir gesellschaftliche Teilhabe tatsächlich ermöglichen können. Dazu gehört, junge Menschen ernsthaft einzubeziehen, Freiheit und Sicherheit für alle zu gewährleisten und auch dort genau hinzusehen, wo politische Entscheidungen über wirtschaftliche Rahmenbedingungen getroffen werden. Im Landesvorstand möchte ich diese Perspektiven einbringen und gemeinsam daran arbeiten, dass sozialdemokratische Politik in NRW für möglichst viele Menschen konkret spürbar wird.

Also: Wer hat einen Platz am Tisch? Ich wünsche mir, dass es alle sind. Dafür können wir gemeinsam sorgen.

Freund*innenschaft

Hannah

Anregungen oder Fragen?: hannah.schulzezurmussen@jusos-koeln.de